Themen
Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Dr. Peter Struck hat "15 Gebote des Lernens" formuliert. Wir sind in vielen Punkten schon auf dem Weg dorthin!
Langsam starten – dann Gas geben
Mit dem Lernen muss früher und ganz langsam begonnen werden, und das Tempo muss dann stärker als bisher gesteigert werden.
Selbstlernen statt Belehren
Kinder lernen besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt.
Lernen durch Sprechen und Handeln
Kinder lernen besser durch Handeln und Sprechen als durch Zuhören.
Neue Fehlerkultur
Wir brauchen eine andere Fehlerkultur beim Lernen. Die Art und Weise, wie Kinder lernen, ist die über Um- und Irrwege. Sie jahrelang mit roter Tinte, schlechten Noten, erhobenen Zeigefingern und bösen Gesichtern durch die Schule zu begleiten, ist also kontraproduktiv.
Partnerarbeit
Zu zweit ein Problem zu lösen gibt mehr an Lernen als allein, zu viert oder zu 27.
Die Partnerarbeit ist also der Einzelarbeit, der Kleingruppenarbeit und der Arbeit im Klassenverband überlegen.
Schüler erklären selbst
Was Schüler lernen sollen, lernen sie vor allem dadurch, dass sie es anderen zu erklären haben.
Die besten Lehrer sind andere Schüler
Kinder lernen mehr von Schülern als von noch so guten Erwachsenen
Jahrgangsübergreifende Lernfamilien
Kinder lernen in jahrgangsübergreifenden Lernfamilien mehr als in Jahrgangsklassen.
Kinder nicht beschämen
Erst muss der Lehrer Respekt vor dem Kind haben, dann erhält er von ihm Respekt zurück.!
Üben und anwenden
Was Kinder lernen sollen, müssen sie häufig üben und anwenden können.
Lehrer als Lernberater
Lehrer sind effizienter und sie halten besser und länger durch, wenn sie Berater sind.
Lehrer arbeiten besser im Team
Einsame Lehrer bringen nicht so viel zustande wie Lehrer im Team. Wenn zwei Lehrkräfte zusammen zwei Klassen führen, dann ist damit auch kostenlose Supervision und Lehrerfortbildung verbunden.
Der gelassene Lehrer
Gelassene Lehrer erreichen mehr als strenge oder gestresste.
Kinder brauchen Resonanz
Kinder brauchen viel Resonanz beim Lernen, und zwar auch von Mitschülern und Eltern, nicht nur in Form des Fehleranzeichnens durch den Lehrer.
Lernen durch Präsentation
Portfolios, in denen Schüler über Jahre ihre Werke, ihre Selbsteinschätzungen und die Resonanz ihrer Mitschüler, Eltern und Lehrer sammeln, sind ergiebiger als bloße Notenzeugnisse.
Die Erziehungskatastrophe?
Kann die Schule an den Kindern
wettmachen, was die Familie versäumt? Gibt es überhaupt eine
Katastrophe?
Was heißt "Erziehung"? Darauf erscheint es mir nicht
mehr nötig, in Form einer Diskussion eingehen zu müssen, darauf
wage ich mit Überzeugung mit "ja" zu antworten und formuliere
die Fragestellung anders - die Antworten mögen dann die angesprochenen
Verantwortlichen selbst finden:
Wer hat Verantwortung für die Erziehung?
Gibt es eine Erziehungskatastrophe?
Wenn ja, wie äußert sie sich, woran könnte sie sichtbar werden?
Wenn Politik, Medien und "Gesellschaft" von "Bildungsoffensive" und "Reformen" der schulen bis hinauf zur Uni sprechen und "Forderungen" stellen, bleibt die laut auszusprechende Einforderung nach dem Elternbeitrag zur Bildungsoffensive, die "Erziehung", ausgespart!
Zunahme der Verhaltensauffälligkeiten
Diese scheinbar banalen Rezepte sind keine Hirngespinste
arbeitsscheuer Schulmeister! Denn dramatisch ist die Zunahme der "Verhaltensauffälligkeiten".
Verschiedene Statistiken liefern Beweise für die körperliche und
seelische Vernachlässigung! (Kinder-)Ärztinnen und LehrerInnen
beobachten immer öfter Konzentrationsverlust, Hyperaktivität,
Unlust und somatische Symptome! Sprachheilpädagogen melden die alarmierende
Zahl von ca. 20 Prozent Sprachstörungen bei Erstklässlern!
Charakterbildung beginnt zu Hause
Die Förderung
geistiger Interessen im Elternhaus schwindet dahin. Während der tägliche
Fernsehkonsum je nach Alter bis zu dreieinhalb Stunden auffrisst, schrumpft
die Zahl der lese-freundlichen Haushalte.
Animierte 1992 knapp die Hälfte aller Familien ihre Kinder zum Lesen,
so tut dies heute nur noch ein Viertel.
Von der Ernährung bis zum Spracherwerb - all dies sind primäre
Erziehungsleistungen, die eine staatliche Institution wie die Schule den
Eltern nicht abnehmen kann. Gewiss - sie soll sie unterstützen, aber
dieser Beistand darf nicht zu Lasten von Bildung und Unterricht gehen.
Andernfalls bleibt nicht nur das Gerede von der Bildungsoffensive ein
Witz. Allen Kindern wird dann die Chance genommen, zukunftsträchtiges
Basiswissen zu erwerben. Die Mehrheit der Eltern bemüht sich immer
noch, ihren Kindern eine liebevolle und aufmerksame Erziehung angedeihen
zu lassen. Doch eine wachsende Minderheit verdirbt die Preise und das
Schulklima für alle. Dabei handelt es sich nicht bloß um sozial
Benachteiligte. Erziehungsverweigerung findet sich ebenso unter viel beschäftigten
Akademikern und in allen Gesellschaftsschichten. Die Gründe dafür
sind vielfältig.
Alle, die Schulkinder haben, kennen Vertreter der verantwortungslosen
Minderheit von Elternversammlungen:
Wenn deren Kind nur unwillig lernt, muss es nur motiviert werden.
Wenn es keine Hausaufgaben macht, muss sich der Lehrer besser einsetzen.
Wenn es andere Kinder schlägt, ist es provoziert worden.
Wenn die Noten absacken, wird der Nachhilfelehrer mobilisiert.
Wenn der Urlaub sich nicht anders buchen lässt, fangen die Ferien eben eine Woche früher an.
Solche Erziehungs-"Berechtigten" lassen sich nur Rechte, aber
keine Pflichten zurechnen. Die Mehrheit der Eltern muss sich gegen diese
Unbekümmertheit zur Wehr setzen. Die Frage, wie weit man eine der
privatesten Angelegenheiten, die Kindererziehung, an den Staat delegieren
kann, gehört an jeden Elternstammtisch, auf jedes bildungspolitische
Podium. Es ist kein Angriff auf die Menschenrechte, wenn man Eltern auch
am Ende eines Arbeitstages Zuwendung zu ihren Kindern abverlangt, die
über das Aushändigen der Fernbedienung hinausgeht.
Forderung: Erziehungsoffensive!
Offenbar ist die Zeit in der Familie besonders
wichtig.
Keine Schule kann das Elternhaus ersetzen, wo Wissens- und Charakterbildung
beginnen! Bildungsoffensive? Zuerst die Erziehungsoffensive!
Was hingegen vielfach zu finden ist, sind Erziehungsunsicherheit und Erziehungsresignation,
wodurch Kinder kaum noch Grenzen kennen lernen können! Werte werden
häufig nicht mehr vermittelt, denn sie müssten dazu durch die
Eltern vorgelebt werden. Damit müsste dann auch eine "Wertklärung"
Hand in Hand gehen. Das heißt, es muss "klar" sein, warum
eine Sache einen "Wert" hat, kriegt, bedeutet! Ebenso ist es
wichtig, einen Sinn in Regeln, Maßnahmen, im Verhalten, Tun etc. zu
sehen, den Blick dafür selbst zu kultivieren, zu verfeinern und ebenso
in den Kindern zu entwickeln, damit ihr Tun, Verhalten, Wünschen, Wollen,
Verzichten, Aushalten ... eine Sinnorientiertheit bekommt. Und das, was
vorgelebt wird, muss verbindlich und glaubwürdig sein.
Stattdessen wird, wie Roland Reichenbach von der Uni Fribourg sagt, der
Nachwuchs zunehmend "ohne moralische Landkarte ins Wertevakuum
der Freiheit entlassen". Wer soll wie die Leere füllen? Woher
Struktur nehmen, wie sich ohne Grenzen auf Dauer zurechtfinden und sich
sicher fühlen? Mit inadäquaten Mitteln, wie uns viele Kinder und
Jugendliche nicht ohne Lärm vorhalten!
Der Soziologe Ulrich Beck beobachtet eine "wohlmeinende Leere" in vielen Elternhäusern und führt aus: "Den jeweils
anderen machen lassen, was er will, ist letztlich billiger und effektiver.
Damit erspart man sich die Peinlichkeit und scheinbare Vergeblichkeit des
Besserwissens und autoritären Aufplusterns."
Die Verantwortung für die elterliche Zuständigkeit für die
Erziehung der Kinder wird so verweigert, abgegeben, und damit wird übersehen,
dass dennoch unter dieser Aufgabe die Verantwortung für die Entwicklung
bzw. das Heranwachsen oder das Verhalten etc. realiter weiter erhalten bleibt,
mitbestimmend ist und eingefordert wird für das solchermaßen
sich äußernde Erziehungsergebnis.
"Es ist oft niemand
da, der Jugendliche lehrt, ihre Impulse zu beherrschen" (Amitai
Etzioni, USA): Aus Unvermögen, Unwissenheit, Bequemlichkeit, Zeitmangel,
eigener Unlust und Schwierigkeiten, Egoismus oder Gleichgültigkeit,
weil man selbst schwer zurechtkommt; auch aus Furcht, etwas falsch zu machen,
kritisiert zu werden, die Liebe zu verlieren; die Lehrer auch aus Furcht
vor den Schülern, den Eltern, der Behörde, der Öffentlichkeit.
Mangel an klaren Strukturen
Erschwerend für die Erziehungsarbeit sowohl
der Eltern als auch der Lehrer - wirkt sich wohl auch die Auflösung
von überlieferten Rollen von Kind und Erwachsenen aus. (Lehrer müssten
hier auf Professionalität zurückgreifen können und dazu entsprechende
Aus- und Weiterbildung erhalten!) Auf Kontinuität und Regelhaftigkeit
wird weitgehend verzichtet, ganz real vorhandene Machtdimension wird geleugnet,
und dabei werden die Grundmuster der sozialen Beziehung zwischen Erwachsenen
symmetrisch auf Kinder übertragen, wie Heinz Zangerle ausführt.
Erziehungsverhalten orientiert sich dann - unabhängig von Alter und
Entwicklungsstand - allein am kindlichen Willen - aussparend, dass das Kind
erst Welt erfahren und darin geltende, gebräuchliche Regeln, Werte,
Sinn, Normen etc. kennen lernen, wissen und einüben muss, um dann daran
auch seinen Willen erproben zu können. Dabei wird die wichtige Erfahrung
des Erwartungsaufschubs, der Frustrationstoleranz, des Verzichtens, Aushaltens
und Durchhaltens unlustiger, wenig lustvoller und unangenehmer Erfahrungen
gemacht.
Bei zahlreichen Konflikten des Alltags hat sich "ein nervendes
Herumverhandeln mit Kindern" (H. Zangerle) entwickelt, wobei auf
klare Regeln und Strukturen verzichtet wird. Fernsehen, Süßigkeitskonsum,
das tägliche Zähneputzen, Kleidungsfragen, Hausaufgaben, Ausgehen,
Schlafenszeiten, Rauchen usw., das alles ist Teil permanenter Verhandlungen.
Der Mut zum berechtigten "Nein" ist verloren gegangen. Aus Angst
vor Autorität lässt man dem Kind kaum jemals eine Chance zum Opponieren.
Dazu wird das Überlegenheitsgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern
konsequent geleugnet, alle machen auf "kumpelhaft-cool". Kinder
werden nicht angeleitet, begleitet, geführt, sondern zu Waisen, denen
die konsequente Begrenzung fehlt. (Zu überlegen: Gleichberechtigung
versus Gleichwertigkeit!) Eltern vergessen, dass Kinder nicht nur Rechte,
sondern auch Pflichten lernen müssen! Der dänische Familientherapeut
Jasper Juul stellt fest: "In der Eltern-Kind-Beziehung gibt es
keine Demokratie, dem Kind dürfen nicht Entscheidungen zugemutet werden,
für die es noch nicht reif ist."
Erziehungsaufgaben werden nunmehr weitgehend delegiert: Krabbelstube mit
Tagesverpflegung, Kinderhort mit Lernhilfe, Grundschule mit Frühstück,
Ganztagsschule mit Freizeitpädagogik, Ferienbetreuung mit Animation!
Das Kind wird ständig weitergereicht, niemand ist mehr verantwortlich.
Eltern wie LehrerInnen sehnen sich Experten mit einfachen Lösungen
herbei.
PädagogInnen und LehrerInnen wird vorgeworfen, nicht lustvolles Lernen
zu ermöglichen, Spaß muss sein. Kindern und Jugendlichen wird
vorgetäuscht, dass Lernen ein Kinderspiel ist, dass das Erarbeiten
von Lerninhalten nicht mühevoll ist! Wenn dann das Lernen erfolglos
ist, braucht man den Therapeuten, der "machen" soll! Oder den
Arzt, der das Kind behandelt, weil es unkonzentriert, müde, verträumt
und aggressiv ist. Auch die Esoterik wird bemüht, um von außen
das übel anzupacken und wiederum auf leichtestem Weg Schwierigkeiten
loszuwerden.
Rasche Lösungen anstatt ernsthafter Auseinandersetzung
Aus der 600 Kinder umfassenden
Klientenkartei von Dr. H. Zangerle, Kinderpsychologe und Psychotherapeut
in Innsbruck, ergibt sich Folgendes: 65 Prozent der Kinder, die wegen
Lern- und Verhaltensstörungen vorgestellt wurden, waren esoterisch
vorbehandelt!
35 Prozent dieser Kinder hatten "Esoterikkarrieren" durch Mehrfachbehandlungen
hinter sich (Edward Bach'sche Blütenessenzen, Edukinestetik etc.),
im Schnellverfahren ausgebildete, sich "Therapeuten" nennende
Personen gaukeln Eltern lernschwieriger Kinder vor, sowohl Ursache als
auch Behandlung jedes Problems zu kennen und mit gleich lautenden Diagnosen
zu versehen:
"Gestörtes Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften, gestörter
Energiekreislauf". Und rasch wird die Therapie verordnet: Mit Hilfe
eines simplen Muskeltests werden Problembereiche im Körper des Kindes
"identifiziert", und es wird entsprechender Blütenextrakt
verordnet, der den "positiven Ausgleich" schaffen soll. Durch
einfache Körperübungen werden die "Lernblockaden aufgelöst",
und ohne irgendeine Anstrengung wird in kürzester Zeit aus einem
schwachen Schüler ein glückliches, schulisch leistungsfähiges,
höchst konzentriertes Kind.
Was Kinder dabei lernen, ist der rasche Griff nach Tropfen und Kügelchen,
um Schwierigkeiten zu beseitigen. Das ist die Vorstufe zur (Psychopharmaka-)Abhängigkeit!
Verloren geht: das zeitaufwendige Gespräch in der Familie, Zuhören,
ruhige Zuwendung und Auseinandersetzung, gegenseitiges Verstehen, geduldige
Suche nach Ursachen sowie Anstrengungsbereitschaft.
Stattdessen finden wir:
Glaube an irrationalen Hokuspokus
kalte Küchen in den Familien
fehlende Nestwärme (keine Ess- und Beziehungskultur)
eilig-ungeduldige Umgangsformen
Gespräch nur als Abfragen/Weitergeben von Informationen
TV und PC als gigantische Gesprächskiller und zum Füllen der emotionalen Leere
keine realen Erlebnisse - sie kommen alle aus zweiter und dritter Hand
reduzierte (eingegrenzte, zeitlich herabgesetzte) Schonräume (die gebraucht werden, um Verhalten zu lernen und zu erproben) wie z. B.:
Herabsetzung von Alters- und Verantwortlichkeitsgrenzen (Wahlalter, Strafmündigkeit, Führerschein, sexuelles Schutzalter, Alkohol- und Nikotingenuss, nächtliche Ausgehzeiten, ungestörte mitternächtliche Lokalbesuche usw.)
und als Ersatz: keine Handlungsalternativen für LehrerInnen, die keine Erziehungsmittel besitzen!
Ich meine, Eltern brauchen Hilfe, wenn es
um Erziehung geht, zwischen Hü und Hott von Verwöhnen und
Fordern! Sie brauchen Wissen, "damit nicht Ungelernte auf Unerfahrene
losgelassen werden! Eltern haften für die Kinder, sie werden schnell
beschuldigt, aber nicht geschult" (G. Unverzagt).
Eltern sollen alles von Natur aus können. Man kann hingegen heute
keinen Beruf ohne Ausbildung ausüben! Der Ernst des Lebens beginnt
also ohne Schule!
Bereits ein Viertel aller Kindergartenkinder
zeigt Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität, Aufmerksamkeitsprobleme,
soziale Schwierigkeiten, ängstliches oder depressives Verhalten (Fragebogenerhebung
1998 in den Kindergärten Deutschlands). 28 Prozent der Eltern sprechen
aber davon, ihr Kind leide unter auffälligen Verhaltensweisen.
Selbstdisziplin ist ein Wort, das man sich schon nicht mehr in den Mund
zu nehmen getraut. Lernen Kinder die Selbstbeschränkung nicht, die
anfangs "von außen" kommen muss, weil das Kind das lernende
Wesen ist, dann gibt es
keine Grenzen (das Achten der eigenen und anderen Grenzen)
kein Herausbilden von Schuldbewusstsein
kein Ertragen von Frustration und Bedürfnisaufschub
kein Entwickeln von Kräften, Schwierigkeiten und Versagungen durchzuhalten
Die Folgen:
Unverständnis, Ungehaltenheit, geringer Selbstwert, Machtbedürfnis,
Wut, Zorn, Aggression, Demolieren, Demonstrieren, sexuelle Übergriffe,
Sucht, Depression, Totschlag, Freitod!
Kinder sind keine Anhängsel
Da mit der "Just-for-Fun-Haltung"
eine irreale Welt vermittelt wurde, eine "Fit-Fun-Fantasy", wie
Prof. Heide Zürner sagt ("Kleine Zeitung", 18. 4. 2002),
werden in der Erziehung Pflicht, Verantwortung und die "Tragische
Trias von Leid, Schuld und Tod" (nach Viktor E. Frankl) als wesentliche
Faktoren des Lebens vernachlässigt.
Wie geht es nun dem Kind in Österreich? So fragt Bernd Melichar den
bekannten Wiener Kinder- und Jugendpsychiater, Gerichtsgutachter und Buchautor
Max Friedrich ("Kleine Zeitung", 21. 4. 2002), der darauf folgend
antwortet:
"Schlecht. Was Sie genannt haben (Drogen, Alkohol,
Depressionen, Selbstmord), sind ja nur die öffentlichen Dramen. Kinder
leiden erschütternd oft an psychosomatischen Krankheiten. Sie kotzen
sich an, weil die Welt sie ankotzt. Sie haben Durchfall, weil sie eine Scheißangst
vor dem Leben haben....
Es geht den Erwachsenen nicht schlecht. Nur, sie hören ihren Kindern
nicht zu und reden nicht mit ihnen. Kinder werden als mühsam empfunden,
als lästige Anhängsel, als Appendix, den man hat, aber eigentlich
nicht braucht. Dabei sind Kinder Geschenke des Himmels, die wir immer weniger
zu schätzen wissen."
Quelle: Mag. Dr. Helene Maria Socher (aps - Pflichtschullehrer)
So funktioniert das Lernen
Kinder lernen, wenn sie denken und handeln, nicht wenn man sie nur belehrt.
Je höher die Selbstständigkeit, desto größer der Lernzuwachs.
Lernen ist eine Entdeckungsreise, braucht Bewegung - findet am wenigsten im Sitzen statt.
Überwiegend das soeben Gelernte zu prüfen führt zu "Lernbulimie" - Für die Prüfung lernen und schnell wieder vergessen.
Zwei Altersjahrgänge zusammen unterrichten ist zumeist besser als nur einen, aber auch als drei oder vier.
Kinder lernen mehr von Kindern als von noch so guten Erwachsenen - und die Helfer profitieren am meisten.
Erfolg macht erfolgreich, Niederlagen schwächen!
Nachhaltiges Lernen braucht Anwendung, Wiederholungen - und Zeit!
Lernen braucht Rhythmisierung, den gestalteten Wechsel von Anspannung und Entspannung.
Ohne Resonanz, ohne konstruktive Kritik und Feedback ist kein systematisches Lernen möglich.
Computer helfen beim Lernen schwachen Schülern am meisten - Das Niveau und das Tempo sind angepasst und man kann ungestraft aus Fehlern lernen.
Einleitende Gedanken
Wenn Kinder in die Schule kommen, sind sie meist voller
Begeisterung, auch wenn ein wenig die Angst mitschwingt, was jetzt auf
sie zukommen wird. Sie bringen meist Lernfreude mit und wollen Lesen,
Schreiben und Rechnen lernen. Zur Erhaltung dieser Freude und zur optimalen
Förderung der Schulanfänger ist zu beachten, dass diese bezüglich
ihrer Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse sehr unterschiedliche
Voraussetzungen mitbringen.
Welche und wie viele Erfahrungen sie bis zum schuleintritt sammeln konnten,
hängt sehr viel von der familiären Umgebung des Kindes ab. Gute
sprachliche Förderung in der Familie, Interesse an Büchern,
das durch Vorlesen hervorgerufen wurde, haben seine sprachlichen Erfahrungen
positiv beeinflusst.
Spielmaterial, auch solches, das Ausdauer fördert, Informationen
über Zusammenhänge sowie Erlebnisse unterschiedlicher Art (Wanderungen,
Tiergartenbesuche, Aktivitäten verschiedenster Art) erweitern den
Horizont des Kindes und verstärken die Lernbereitschaft.
Schulreife
Schulreife bezeichnet jenen Entwicklungsstand, der
es dem Kind ermöglicht, sich die Kulturtechniken anzueignen und diesen
Lernprozess in der Gruppe zu vollziehen.
Die körperliche Schulreife
Grobmotorik
Benutzt das Kind beim Begehen einer Treppe die Beine
abwechselnd?
Kann das Kind den Ball prellen und ihn fangen?
Kann das Kind Körperstellungen richtig nachmachen?
Kann das Kind ohne Hilfe der Hände aus dem Schneidersitz aufstehen?
Kann das Kind gut rückwärts gehen?
Hält das Kind beim Einbeinstand das Gleichgewicht?
Kann das Kind hinknien und wieder aufstehen, ohne dabei seine Hände
zu benützen?
Kann das Kind auf ein akustisches oder optisches Zeichen sein Laufen
sofort abbrechen?
Feinmotorik
Kann das Kind sich alleine ausziehen?
Kann das Kind eine Schleife alleine binden?
Kann das Kind verschiedene Verschlüsse öffnen bzw. verschließen?
Kann das Kind Perlen auffädeln?
Kann das Kind geschickt Messer und Gabel benützen?
Kann das Kind Fingerstellungen nachmachen?
Kann das Kind mit der Schere auf Linien schneiden?
Fällt es dem Kind schwer, waagrechte und senkrechte Striche in
verschieden große Zeilen zu setzen?
Taktil-kinästhetischen Bereich
Kann das Kind Berührungsreize (Augen sind geschlossen) lokalisieren?
Kann das Kind die gleichzeitig ausgeführten Berührungen (verschiedene
Stellen) zeigen?
Kann das Kind verschiedene Materialien blind erkennen und benennen?
Kann das Kind nur mit den Händen verschiedene Formen erkennen?
Die geistige Schulreife.
Schulanfänger befinden sich erst entwicklungspsychologisch
gesehen in der Phase des naiven Realismus. Diese dauert etwa vom sechsten
bis zum achten Lebensjahr eines Kindes. Als Teilleistungen werden die
grundlegenden Fähigkeiten bezeichnet, die für Sprache und Denken
notwendig sind. Somit bilden sie die Grundlage für Lesen, Schreiben
und Rechnen, aber ebenso das situationsangepasste Verhalten basiert auf
diesen Teilleistungen.
Aufmerksamkeit herstellen
Details aus Bildern beschreiben
Wege durch ein Labyrinth suchen
überkreuzte Linien auseinandersuchen
Versteckbilder
Abpausen
Geschichte neben einer Geräuschkulisse erzählen
Optische und akustische Unterscheidung und
Gliederung
Figuren auf Rasterbilder übertragen
Fehler suchen
ähnlich klingende Wörter unterscheiden
übereinanderliegende Figuren unterscheiden
Länge von Wörtern klatschen
Merk- und Speicherfähigkeit
Wahrgenommene Inhalte, mit welchen Sinnen auch immer,
müssen gespeichert werden, d. h. das akustische und optische Kurz-
und Langzeitgedächtnis setzt ein.
Spiel: "Rucksack packen"
Geschichten erfinden
Figuren und Farben zuordnen
Inhalte aus vorgelesenen Texten merken
Reihenfolgen und Zusammenhänge
Serialität ist die Fähigkeit, eine Reihe
von Einzelelementen in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Vorauszuplanen,
zu koordinieren ist nur dann möglich, wenn Reihenfolgen richtig
wahrgenommen und behalten werden.
Bildgeschichten mit vertauschter Reihenfolge
Abläufe sachlogisch darstellen
Erlebnisse und Geschichten erzählen
Muster fertigstellen
Raumorientierung
Darunter ist einerseits die Fähigkeit zu verstehen,
sich an der Bewegung am eigenen Körper zu orientieren (Körperschema),
andererseits auch jene, sich im Raum zu orientieren (Raumorientierung).
Aber auch das Erfassen der räumlicher Beziehungen von Dingen und
das Umgehen damit (Bewegungs- und Handlungsplanung) sind in diesen
Teilleistungen enthalten.
Bilder mit Links-Rechts-Unterscheidung
Hampelmann springen
Buchstaben mit dem Körper darstellen - Lautgebärden
Linien nachziehen
Die sozial-emotionale Schulreife
Gruppenfähigkeit
Kann das Kind mit anderen Kindern in sprachlichen
Kontakt treten?
Reagiert das Kind verschüchtert, wenn es angesprochen wird?
Kann das Kind die Führerrolle anderer akzeptieren?
Kann das Kind auf andere Mitschüler Rücksicht nehmen?
Kann das Kind anderen Kindern helfen?
Kann das Kind die aufgestellten Regeln befolgen?
Gefühlsmäßige Sicherheit
Ist das Kind rasch enttäuscht und verliert
so die Antriebskraft?
Kann das Kind Kritik und Misserfolg ertragen?
Hat das Kind Freude am eigenen Erfolg?
Benötigt das Kind viel Zuspruch?
Wagt sich das Kind an unbekannte Aufgaben heran?
Kann das Kind seine eigenen Bedürfnisse angemessen äußern?
Arbeitshaltung
Kann das Kind alltägliche Aufgaben allein
erledigen?
Führt das Kind seine Aufgaben zügig durch?
Arbeitet das Kind nur unter intensiver Anleitung eines Erwachsenen?
Kann das Kind Gespräche aufmerksam verfolgen?
Stellt das Kind sachbezogene Fragen?
Kann das Kind sinnrichtig antworten?
Diese zusammenfassende Darstellung der Lernvoraussetzungen bei Schulanfänger verdeutlicht, dass die Schüler mit sehr unterschiedlichen Vorerfahrungen ihre Schullaufbahn beginnen. Die verschiedenen Modelle der Organisation der ersten Schulstufe ermöglichen eine Berücksichtigung dieser Vorerfahrungen. Individuell kann auf die einzelnen Schüler eingegangen werden.
Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags.
Unsere Bettchen waren angemalt mit Farben voller Blei und Cadmium.
Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel.
Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen und auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm.
Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen.
Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar.
Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!
Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht".
Wir kämpften und schlugen einander manchmal grün und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht besonders.
Wir aßen Kekse, Brot mit dicker Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick.
Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde!!!
Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns...
Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir auch nicht besonders viele Augen aus.
Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.
Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte damals nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.
Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken.
Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht automatisch aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren oft der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!
Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht.
Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen!
Glückskompetenz
Glücklichsein ist eine Fähigkeit, eine Kompetenz, die wir lernen können. Dieses Wissen erhält auch langsam Einzug in Österreichs Schulen. In immer mehr Schulen wird Glück als Freifach angeboten. Vielfach passiert die Glücksvermittlung auch in Form von Projekten oder fließt gleich in mehreren Fächern in den Unterricht ein. Bis das Glück jedoch einen fixen Platz im Lehrplan erhält, ist es noch ein langer Weg. Solange hängt es vom Engagement der LehrerInnen ab, ob Glückskompetenz gelehrt wird. Verena Gallee ist eine dieser engagierten Lehrerinnen, die in ihrer 3. Klasse an der Volksschule Sooß in Niederösterreich, das Glück erlebbar macht..
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